In einer Arbeitswelt, in der Motivationsschreiben der Vergangenheit angehören, haben Arbeitnehmende mehr Kapazität für Aufgaben, die ihre Karriereziele tatsächlich voranbringen. Das 2022 gegründete Startup Empion macht dies möglich – mit dem ersten automatisierten Headhunting-System, das Talente unterhalb der Führungsebene auf Basis von Fähigkeiten, Werten und Persönlichkeitsmerkmalen mit passenden Unternehmen vernetzt. Wir sprachen mit Mitgründerin Dr. Annika von Mutius über ihre Gründungsreise und Visionen.

In einer Arbeitswelt, in der Motivationsschreiben der Vergangenheit angehören, haben Arbeitnehmende mehr Kapazität für Aufgaben, die ihre Karriereziele tatsächlich voranbringen. Das 2022 gegründete Startup Empion macht dies möglich – mit dem ersten automatisierten Headhunting-System, das Talente unterhalb der Führungsebene auf Basis von Fähigkeiten, Werten und Persönlichkeitsmerkmalen mit passenden Unternehmen vernetzt. Wir sprachen mit Mitgründerin Dr. Annika von Mutius über ihre Gründungsreise und Visionen.
Wie etwa 42 % der Gründerinnen in Deutschland erwarb Annika einen Abschluss in der Wirtschaftswissenschaft. Ihre Faszination für die Spieltheorie – ein mathematisches Modell, das auch Wechselwirkungen zwischen den Handlungen einzelner Akteur:innen in Unternehmen erklären kann – führte zu einer Promotion in der Mathematik, unter Gründer:innen eine Ausnahme. Nur etwa 5,6 % der Gründerinnen erlangen überhaupt einen Studienabschluss in den drei Fächern Informatik, Computer Science oder Mathematik.1
Getrieben von ihrer Leidenschaft für Technologie begann Annika während ihres ersten Jobs im Silicon Valley mit der Forschung und Entwicklung prädiktiver KI – einem System, das Datenmuster analysiert und präzise Vorhersagen trifft. Obwohl ihre Familie bereits seit drei Generationen erfolgreich in der klassischen Produktion tätig ist, weckte erst ihr eigener Start in den Arbeitsmarkt den persönlichen Gründungsgeist.
Dabei bleibt ihre Familie bis heute eine wichtige Stütze, auf die sie in herausfordernden Situationen zurückgreift – so auch am Tag des Interviews, als sie eine schwierige Kündigung abwägen musste. Eine Entscheidung, die in etablierten Unternehmen durch feste Protokolle unterstützt wird, in Startups jedoch mithilfe von Intuition und Mentor:innen bewältigt werden muss.
„Mittelständler nutzen ihre Unternehmenskultur nicht zu Recruiting-Zwecken.”
Gegen Ende ihrer Promotion lernte sie Dr. Larissa Leitner kennen – heute beide Co-Founder und Co-CEOs von Empion. Zu dieser Zeit forschte Larissa zur Unternehmenskultur und gründete an der WHU eine Initiative für die nächste Generation von Familienunternehmer:innen.2 Im Austausch mit Unternehmer:innen aus dem Mittelstand stellte sich heraus, dass diese ihre Unternehmenskultur - anders als Startups - selten nach außen kommunizieren. Während letztere oft durch Innovation, Agilität, flache Hierarchien und Eigenverantwortung glänzen, stehen mittelständische Unternehmen für Stabilität, Loyalität, klare Rollenverteilungen und Prozesse. Um einen Wandel anzustoßen, vereinten die beiden ihre Forschungsergebnisse in der Recruiting-Branche.
Den Wandel stößt eine Unternehmenskulturanalyse von Empion an, in welcher Unternehmenswerte quantifiziert und mit Bewerber:innen abgeglichen werden. Entwickelt wurde die Methode in Zusammenarbeit mit renommierten Forschungseinrichtungen. Rund 70 % der potenziellen Kandidat:innen kommen aus dem passiven Bewerber:innenmarkt, suchen also nicht aktiv nach neuen Jobangeboten. Statt proaktiver Bewerbung attraktiver Jobangebote setzt Empion auf die Neugier: Über Social-Media-Kanäle gelangen Arbeitnehmer:innen auf die Website, wo sie in einer Selbstanalyse ihre eigene Arbeitskultur erkunden können. Basierend auf ihren Präferenzen zu Themen wie Karriereentwicklung, Wertschätzung und Teamdynamik schlägt das System kostenlos passende Arbeitgeber:innen vor.
Innerhalb von zwei Jahren wuchs das Empion-Team auf fast 50 Mitarbeitende, sammelte rund neun Millionen Euro in Finanzierungsrunden3 und akquirierte im August Zalvus, das Unternehmen im Recruiting-Prozess berät. Trotz eines zurückhaltenden Finanzierungsmarktes konnte die effiziente Alternative zum Headhunting, Investor:innen überzeugen.
„Wir halten fast keine Meetings gemeinsam.”
Obwohl die beiden Gründerinnen ihre Aufgaben strikt in interne und externe Bereiche aufteilen, verzahnt sich dennoch ihr Alltag. Feste Termine sind für Gespräche unter vier Augen und gemeinsame Zeit außerhalb des Gründungsalltages reserviert. Während Annika in den Bereichen Vertrieb, Finance oder Fundraising unterwegs ist, übernimmt Larissa Produkt oder Operations – zu Beginn ihrer Gründung waren ihre Rollen vice versa verteilt.
„Bei der Gründung wussten wir noch nicht, ob wir uns aufeinander verlassen können."
Innerhalb der ersten drei Jahre scheiternt etwa ein Drittel aller Existenzgründungen, wobei rund 34 % der Gründer:innen persönliche Gründe angeben.4 Bei Empion war es keine Freundschaft, die das Team zusammenbrachte, sondern eine gemeinsame Vision. Genau deshalb legen die Gründerinnen besonderen Wert auf Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. Annika spricht auch von schwierigen Phasen im Gründungsteam, betont aber, dass sie sich in jeder Situation bedingungslos auf ihre Mitgründerin verlassen könne.
„Je besser der Cultural Fit, desto länger bleiben die Menschen im Unternehmen.”
Unternehmen, die für die Gewinnung von Mitarbeitenden auf Empion setzen, starten die Zusammenarbeit mit einer Kulturanalyse. Um die KI mit einer Datenbasis zu speisen, empfiehlt das Unternehmen eine Befragung von 5-10 % der Mitarbeitenden. Um Daten in großen Teams schnell zu erlangen, kann es helfen, den Nutzen offen zu kommunizieren oder ein Belohnungssystem zu etablieren. Innerhalb von 48 bis 72 Stunden werden die ersten Matches zwischen Unternehmen und Privatpersonen erstellt. Der Zeitraum zwischen Match und Einstellung im Unternehmen nennt sich time-to-hire und kann mithilfe der Empion-Methode so gering wie neun Tage sein. Aktuell misst das Unternehmen eine Kündigungsrate von unter 1% in der Probezeit, kann aber noch nicht absehen, wie sich diese Zahl langfristig entwickeln wird.
„Unser Kulturtyp kann sich innerhalb eines halben Jahres ändern”
Auch Empion unterzieht sich dem Kulturtest regelmäßig. Vor einem Monat wechselte das junge Unternehmen vom Leuchtturm, welcher Risikobereitschaft auszeichnet, zum dynamischen Wolkenkratzer. Im Gegensatz zu jungen Unternehmen ist der Kulturtyp etablierter Unternehmen eher beständig.
„Wir glauben, der Markt verdient etwas Neues”
Auch junge Unternehmen können ohne großes Budget den richtigen Fit finden. Laut der promovierten Mathematikerin reiche es dafür aber nicht, ein Stellenportal zu bedienen. Statt der Gewichtung von formalen Anforderungen wie dem Bildungsabschluss sollte mehr Fokus auf die Ziele der Besetzung und die dafür erforderlichen Fähigkeiten gelegt werden.
Um in der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen, wie Mazars, den Volksbanken oder Personio einen personalisierten Hiring-Prozess zu gewährleisten, setzt Empion auf Konzeptnachweise (Proof of Concept) und die Professionalisierung von Vertriebs- und Customer Success Teams. Dabei legt das Startup besonderen Wert auf eine persönliche Begleitung des Prozesses, denn KI soll HR-Expert:innen keinesfalls ersetzen, sondern gezielt unterstützen, um maximalen Mehrwert zu schaffen.
„Alle, die Freude an Innovation in Deutschland haben, sollen nicht daran gehindert werden, innovativ zu sein”
Die Gründerin und Geschäftsführerin gehört zu den wichtigsten KI-Pionier:innen in Deutschland. Mit dem Einsatz von KI im Recruiting arbeitet Empion an einem Hochrisikosystem nach dem AI-Act. Das bedeutet insbesondere einen zusätzlichen bürokratischen Aufwand zur Einhaltung rechtlicher und technischer Verpflichtungen, um Grundrechte von Bewerber:innen zu schützen.
Wir freuen uns zu verfolgen, ob Arbeitnehmer:innen mit Empion langfristig ein Zuhause bei Unternehmen finden und wünschen den Gründerinnen viel Erfolg ihre Visionen für die Zukunft umzusetzen.